Siebel-Werke

…auf Druck vom RLM auf Klemm in Halle gebaut

(Auszug aus dem Buch Siebel-Werke Halle (1934-1936) aus der Schriftenreihe zur Luftfahrtgeschichte Heft 9 -Ebert/Mahn/Tack 2011)  Klemm relevante Themen, ergänzt durch eigene Recherchen, Dokumente und Fotos

Vorwort

Am I. Weltkrieg hatte sich das Flugzeug in der Form von Auflkärungs-, Bomben- und
Jagdflugzeug als eine sehr wirksame Waffe entwickelt. Als mit der Machtübernahme durch der Natıioııalsozialisten im Januar 1933 die Aufrüstung des Landes begann, gab es auf dem Sektor des Flugzeugbaus und der Entwicklung moderner Maschinen durch die Versailler Verträge bedingt den größten Nachholbedarf.

Erhard Milch, seit März 1933 Staatssekretär im Luftfahrtministerium, war in dieser Hinsicht nicht untätig gewesen. Sein erster Schritt hatte natürlich darin bestanden, das Produktionspotential der deutschen Luftfahrtindustrie zu erhöhen. Am Beginn des Jahres 1933 beschäftigten acht Flugzeug- und sechs Flugzeugmo-torenwerke insgesamt kaum mehr als 4 000 Mitarbeiter. Milch bot Produktions-verträge an und erhöhte die Zahl der Flugzeugwerke um neun. Darunter befanden sich Henschel sowie Blohm und Voß u.s.w. Am Ende des Jahres I933 wies die Flugzeugindustrie bereits 20 000 Beschäftigte auf…..

Klemm

In diesem Sinne sollte natürlich auch der 1927 in Böblingen von Baurat Hanns Klemm gegründete Leichtflugzeugbau Klemm OHG in die Luftrüstung einbezogen werden. Die grenznahe Lage zu Frankreich, ca. 70 km, stellte ein Sicherheitsrisiko dar, da die Stadt Böblingen damit im Einflussbereich französischer Bomber lag. Vom Reichsluftfahrtministerium erging also an Klemm die Aufforderung, die Firma nach Mitteldeutschland zu verlagern. Das war offensichtlich nicht im Interesse des Firmeninhabers. Er kam dieser Aufforderung nur zögernd nach. Die noch erhaltenen Protokolle der Beratung  beim Oberbürgermeister Dr. Weidemann sagen aus:

„Am 25. d. Mts. (Mai I934) erschienen zu Verhandlungen mit der Stadtgemeinde Herr Direktor Klemm aus Böblingen bei Stuttgart gemeinsam mit Herrn Prokuristen Müller, Böblingen und seinem Berliner Vertreter Herrn Fritz Siebel, Berlin-Flugverbandshaus Blumeshof 17, und teilte mit, dass die Klemmwerke die Auflage erhalten hätten, ihren Betrieb von Böblingen nach Mitteldeutschland zu verlegen. Es schwebten bereits Verhandlungen mit Aschersleben, Halberstadt und Oschersleben sowie Staßfurt wegen Verlegung des Betriebes dorthin. Neuerdings sei den Klemmwerken von dem Reichsluftfahrtministerium nahegelegt, auch noch mit der Stadtgemeinde Halle zu verhandeln.“

Für Halle war bei der hohen Arbeitslosenzahl der damaligen Zeit diese Wendung der Dinge höchst willkommen. Die Abgesandten aus Böblingen wurden wohlwollend bei ihrem Anliegen unterstützt, versprachen sie doch:

Es handelt sich bei der Verlegung um einen Betrieb, der Sport- und andere Flugzeuge herstellt mit einer demnächstigen Belegschaft von 800 bis 1000 Mann, die aber gegebenenfalls auf 2000 Mann gesteigert werden wird. Der Minimalumsatz wurde mit 1 Million RM monatlich angegeben, Steigerungsmöglichkeit auf 2 Millionen RM vorhanden. Herr Oberbürgermeister warf die Frage auf, ob es sich um einen kurzfristigen Stoßbetrieb handelt, worauf ihm Herr Siebel erwiderte, dass ein mittelfristiges Programm bereits bis zum Jahre 1938 vorliege. lm übrigen will Klemm den Sportflugzeugbau stark erweitern. Als Forderung stellten die Klemmwerke die Bereitstellung eines Flugplatzes in der Größe von 600  x 750 m und ferner die Bereitstellung der entsprechenden Fabrikationsräume und einer Montagehalle, sowie eines Abstellungsraumes für Flugzeuge, insgesamt handelt es sich um eine Aıbeitsfläche von rd. lO 000 qm.“

Herr Direktor Klemm erklärte: Von der Belegschaft aus Böblingen müssen ungefähr 200 Mann nach Halle gezogen werden. In Abwesenheit des Oberbürgermeisters wurden dann verschiedene Möglichkeiten der Unterbringung des Betriebes in Halle erörtert. Zum Beispiel wurde die Finna Püpcke und Börner in Büschdorf ins Gespräch gebracht. Die Räume wären an sich geeignet, doch wurde das Projekt aus dem Grunde nicht weiter verfolgt, weil erstens einmal das Büschdorfer Gelände außerhalb der Stadtgemarkung gelegen ist, und weiterhin auch noch das erforderliche Flugplatzgelände erworben werden müsste. Es fanden eingehende Erörterungen und Ortsbesichtigungen statt, wegen Errichtung des Betriebes auf dem ehemaligen Militäıflugplatz. An der Oıtsbesichtigung nahm auch ein Vertreter der Werke, Herr Oberingenieur Befort, teil.

Das Ergebnis der eingehenden Erörterungen lässt sich dahin zusammenfassen, dass die Klemmwerke großes Interesse haben, nach Halle zu kommen, und dass sie darum bitten, ihnen baldmöglichst die weiteren Unterlagen zuzustellen. Im einzelnen wird gefordert:

Ein Lageplan vom Flugplatzgelände 1:10 000. Auf dem Plane würden die Geländeflächen besonders ersichtlich gemacht werden müssen, die wegen des Kohleabbaus nicht in Frage kommen. Die Inanspruchnahme der Wohnbaracken kommt nicht in Betracht. Bei dem Bruchgelände (ausgekohltes Gebiet) soll vermerkt werden, wie sich die Senkung ungefähr gestaltet.

  1. Pläne, Grundrisse und Schnitte von den gewerblichen Räumen des ehemaligen
    Fliegerhorstes.
  2. Bekanntgabe geeigneter und zuverlässiger Holzbearbeitungsbetriebe, Präzisions-Dreherei- Betriebe, Fräserbetriebe, Klempnerbetriebe und Bauschlossereien. Die Finna Klemm steht auf dem Standpunkt, dass die Fabrikation möglichst in schon vorhandene Einzelbetriebe verlegt werden soll, um den eigenen Betrieb möglichst klein und übersichtlich zu halten.
  3. Benennung leerstehender Fabrikationsräume. Es käme in Frage, dass die Klemmwerke
    einen Teilbetrieb in solche leerstehenden Fabrikationsräume verlegen. Nachdem diese Unterlagen vorliegen, werden sich die Klemmwerke äußern, welcher Raumbedarf überhaupt noch in Frage kommt.

Es schließen sich noch weitere Forderungen der Firma Klemm an, so zum Beispiel die
Bedeckung der alten Flughallenfundamente mit Erde, um sie als Auslaufgelände nutzen zu können, die Erhaltung des vorhandenen Gleisbettes und das Fällen der Bäume längs der Straße nach Tornau (Dessauer Poststraße). Wie ernst dieses Angebot der Übersiedlung der Firma Klemm nach Halle von der Stadtverwaltung genommen wurde, geht daraus hervor, dass bereits am nächsten Tag, dem 26. Mai 1934, eine weitere Besprechung anberaumt wurde, die sich mit der Realisierung der genannten Forderungen befasste. An dieser Beratung nahmen teil:
Herr Stadtbaurat Jost,
Herr k. Stadtrechtsrat Baumgart,
Herr v. Dewall,
Herr Vermessungsdirektor Appel,
Herr Bürodirektor Hammer.
Herr Oberinspektor Glauer und
Der Unterzeichnete. (wahrscheinlich Bürgermeister Dr. May d.V.)

Folgende Vereinbarungen wurden getroffen: (gekürzt)

  1. Die Bauverwaltung fertigt einen Lageplan in dreifacher Ausfertigung …
  2. Die Grundeigentumsverwaltung verhandelt mit dem Finanzamt unter Hizuziehung von Henn v. Dewall über die Rückgabe des Industriegeländes des Fliegerhorsíes an die Stadtgemeinde. Hierbei wird der gemeinnützige Zweck der vorzeitigen Rückgabe besonders zu unterstreichen sein. Auch wird hervorzuheben sein, dass das Gelände mit den aufstenden Gebäuden möglichst kostenlos der Flughafen Halle-Leipzig G.m.b.H, an der der Preußische Staat und das Reich maßgebend beteiligt sind, in Erbbau gegeben werden soll….
  3. Die Verhandlungen wegen der Benennung geeigneter und zuverlässiger Fírrnen werde ich selbst mit Herrn Syndikus Perschmann führen.
  4. Die Frage der Bedeckung der Fundamente wird die Bauverwaltung gegebenenfalls unter Zuhilfenahme des freiwilligen Arbeitsdienstes weiter erörtern.
  5. Schließlich wird Herr v. Dewall die alsbaldige Klärung der Finanzierung des Unternehmens durch die Flughafen Halle-Leipzig G.m.b.H. betreiben…

Die Angelegenheit nahm für alle Beteiligten einen zufriedenstellenden Verlauf. Klemm ging auf das hallesche Angebot ein. Am 16. August 1934 wurde in das Handelsregister Abt. B Nr. 1088 eingetragen: „Flugzeugwerke Halle, Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Halle an der Saale“

Im Gesellschaftsvertrag wird als Gegenstand genannt: Herstellung und Vertrieb von Flugzeugen, Luftfahrtgeräten und Zubehör, Stammkapital 200000 RM. Geschäftsführer Ing.Franz Walter (Böblingen)  Gesamtprokura: Theodor Wínz (Halle)

Zum l. Oktober 1934 nahm die Firma ihre Tätigkeit in Halle auf. Die Klärung der Finanzierung dauerte allerdings noch fast zwei Jahre. Der auf Geschäftsbögen und Brieflköpfen verwendete Name lautete  abweichend vom Handelregister:„Klemm-Flugzeugwerk Halle G.m.b.H.“ Diese Namensänderung ist vermutlich vorgenommen worden, um formal den Vollzug der Verlagerung der Leichtflugzeugwerke Klemm (LFK) von Böblingen nach Halle zu dokumentieren.

Bevor es zur Aufnahme der Tätigkeit kommen  konnte gab es Probleme mit  der Umsiedlung. Ein Problem war die Finanzierung. Direktor Klemm hatte bereits in der ersten Beratung am 25. Mai 1934 klargestellt, dass die Form eines sogenannten Subventionsbetriebes für ihn nicht in Frage kommt. Mit der Stadt Halle wurde in mehreren Beratungen, die sich letztendlich bis ins Jahr 1937 hinzogen, um eine für das neue Flugzeugwerk kostengünstige Variante gerungen. Man einigte sich, den Werkflugplatz in der Größe von 26,02 ha von der Stadt als „Erbbau“ an die Flughafengesellschaft Halle-Leipzig zu geben. Das sogenannte Industriegelände von
5,68 ha, auf dem die Flugwerft stand und wo weitere Hallen zu errichten waren, sollte an die Firma Klemm verkauft werden.

Bereits im ersten Beratungsprotokoll vom 26. Mai 1934 wird hingewiesen:

„Die Konstruktion ist deswegen so gewählt, weil der Stadtgemeinde Halle durch ihre eigenen sehr erheblichen Opfer für die Nachrichtenschule die Finanzierung nicht möglich ist, zum anderen soll das Reich und der preußische Staat irgendwie an den neuen Unternehmen interessiert werden.“

Der Erbbauvertrag mit der Firma „Flugzeugwerk Halle G.m.b.H.“ wird am 25.09.1934
genehmigt. Desgleichen der Mietvertrag mit der Flughafengesellschaft Halle-Leipzig.
Mehrere Entwürfe von Kaufverträgen liegen vor. Die wahrscheinlich endgültige Variante ist im Protokoll einer Sitzung im Reichsluftfahıtministerium Berlin (RLM) zu lesen:

An dieser Beratung am 2. November 1934 nahmen teil:

  • RLM: Dr. Hergesell; Raeder
  • Stadt Halle: Baumgart Stadtrechtsrat
    • Humpert Kämmereidirektor
  • Fa. Klemm: Walter Direktor Flugzeugwerk Halle G.m.b.H. (FW H)
    • Siebel Direktor Leichtflugzeugbau Klemm

Es wurde eine Zahl von 400 bis 500 Arbeiter und Angestellten für die FWH prognostiziert. Weiterer Druck auf die Stadt Halle erfolgte durch den Hinweis dass ein Scheitern der Verhandlungen jedoch mit Rücksicht auf die auf dem Spiele stehenden vaterländischen lııtcrcssen vermieden werden musste…

Die Flughafen Gesellschaft Halle-Leipzig m.b.H. erhielt am 18.September 1934 die Gebäude des ehemaligen Militärflughafens übergeben und baute die ehemalige Flugzeugwerft wieder für die geplante Verwendung als Produktionshalle für Flugzeuge um. Offiziell wurde darin am 1.Oktober 1934 die Produktion aufgenommen.

Der Firmenname lautete „Klemm-Flugzeugwerk Halle„.

Briefstempel

Etwa 40 Arneiter wurden von Böblingen an die Saale geholt. Mitte April 1935 konnte schon das erste in Halle produzierte Focke-Wul FW 44 „Stieglitz“ die Werkhalle verlassen.

Zum weiteren Ausbau der Produktion wurden vorhandene Hallen dazugekauft und umgebaut sowie weitere Neubauten erstellt werden. In drei fertiggestellten Werkhallen wurde zügig die Produktion aufgenommen. Zuerst im Lizensbau die Focke-Wulf FW 44 „Stieglitz“ und dann auch die Heinkel He 46, von der schon im Herbst 1935 die 100. Maschine fertiggestellt wurde.

Ein weiterer Meilenstein der Werkentwicklung stellete die Übersiedlung weiterer Mitarbeiter der Leichtflugzeugwerke Klemm (LFK) von Böblingen nach Halle des Jahres 1936 dar. Es handelte sich um etwa 40 Ingenieure, Konstrukteure und Angestellte, unter ihnen befanden sich auch der Chefkonstrukteur Franz Fecher und der kaufmännische Direktor Dr.Seitz sowie 40 weiterer Flugzeugbauer.

Diese Kapazitätserweiterung stellte einen Qualitätssprung in der Leistungsfähigkeit der „Flugzeugwerke Halle G.m.b.H.“ (FWH), wie sich das Werk seit dem 28.1.1936 nannte, dar.

Briefstempel

Waren bisher nur Lizensbauten gefertigt worden, so brachte die neuen Mitarbeiter aus Böblingen das schon ziemlich weit vorangeschrittenes Klemm 104 mit, das in Halle in Fh 104 umbenannt (nach Flugzeugwerk Halle) wurde, später in Siebel Fh 104. Mit diesem Projekt hielt der Metallflugzeugbau in Halle Einzug.

Das Jahr 1937 brachte wiederum eine Änderung der Firmenbezeichnung. Der bisherige Gesellschafter der Klemm-Werke, Direktor Friedrich Wilhelm Siebel, übernahm die gesamte Firma und wandelt sie in eine Kommandit-Gesellschaft um. Der neue Name lautet ab 23.12.1937 Siebel-Flugzeugwerke Halle K.G. (SFW)

Briefstempel

Firmenlogo der Siebel-Flugzeugwerke Halle

ab 1940 G.m.b.H.

…..Damit war die Aera Klemm in Halle beendet

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