Hirth, Wolf

WIKIPEDIA

Biographie

Der Text stammt auszugsweise aus dem Aufsatz von Stefan Blumenthal -„Albert Hirth und seine Söhne Hellmuth und Wolff: eine schwäbische Erfinderfamilie“, der 1986 in Jörg Baldenhofers Werk „Schwäbische Tüftler und Erfinder“ erschienen ist

Wolf Hirth wurde am 28.Februar 1900 in Stuttgart geboren. Als Sohn des erfolgreichen In dustriellen und flugbegeisterten Dr.Albert Hirth hatte er ideale Voraussetzungen, um sich unbelastet von materiellen Sorgen und mit der vollen Unterstützung des Vaters seinen beiden Leidenschaften Fliegen und Motorradrennen widmen zu können.

In den darauffolgenden Jahren wurde Wolf Hirth Mitbegründer des Aero-Modellclubs und beschäftigte sich neben dem Schulbesuch mit der Theorie des Fliegens sowie der Kon- struktion von Gleitflugzeugen. Nach dem 1.Weltkrieg war der Motorflug in Deutschland verboten, während der Segelflug im Versailler Vertrag hingegen unberücksicht blieb und so zahlreichen Flugbegeisterten die Möglichkeit bot ihrer Passion zu frönen, so auch Wolf Hirth. 1922 lernte er auf der Wasserkuppe in der Rhön auf einer Harth-Messerschmitt S-12 autodidaktisch fliegen und nahm anschließend mit diesem Flugzeug auch an einem Wettbewerb teil, in dessen Verlauf er durch einen technischen Defekt verunfallte und schwer verletzt wurde. Diese Verletzungen zogen einen mehmonatigen Krankenhausau- fenthalt nach sich und heilten nie mehr völlig aus. Dennoch war Hirth auch später ein regelmäßiger Teilnehmer am Rhönflugwettbewerb, den er 1932 gewann.

Durch einen Motorradunfall 1925 verlor Hirth sein linkes Bein, was seinen Tatendrang hingegen nicht einschränkte. Noch im Krankenhaus gründete er die Akademische Fliegergruppe Stuttgart.

Wolf Hirth (2. v.l.) mit seinem Versuchsflugzeug Hirth A2

Trotz Beinprothese blieb Hirth fliegerische aktiv und fuhr mit dieser auch weiter Motor-radrennen.

Im Mai 1928 schloss er sein Studium als Diplom-Ingenieur ab und nahm danach an zahl- reichen Segelflugwettbewerben teil, die er teilweise auch gewann. Zeitgleich wandte er sich dem Motorflug zu und errang neben anderen Preisen u.a.den Hindenburgpokal 1929 für verschiedene Europa-Motor-Flüge mit einer Klemm KL25 mit einem 40 PS-Salmson-Motor. 1930 unternahm er mit einer Klemm-Maschine einen Motorflug, der ihn mit Zwi- schenstationen in England, den Orkney-Inseln, Island, Grönland, Labrador und Quebec nach Nordamerika führen sollte. In Island mußte er aber erfahren, dass die dänische Regierung entgegen früherer Zusagen auf eine Kaution von 10.000 Kronen  bestand, als Sicherstellung der Kosten einer möglichen Suchaktion im Unglücksfall, um auf Grönland landen zu dürfen. Da Wolf diese Summe nicht aufbringen konnte, mußte er seinen Plan aufgeben. So fuhr er mit seiner Klemm-Maschine zu Schiff nach Montreal in Kanada, flog von dort nach New York, besuchte Washington, Richmond, Atlanta, Florida und flog acht Monate lang kreuz und quer durch die Oststaaten.

Während eines Fluges in Blauthermik wies mit seinem Segelflugzeug er als einer der ersten die Technik des“Steilkreisens“ als Voraussetzung für effizienten Streckensegelflug konsequent nach. Am 10 März 1931 kurz vor 16.00 Uhr startete Hirth in New York mit Gummiseil am Ufer des Hudson und flog, eigenen Angabenzufolge, während einer halben Stunde im Hangwind des Hudsonufers entlang, um kurz danach an  den Hochhäusern auf über 300 Meter Höhe zu steigen. Zu Schiff wieder in Europa angekommen, landete er am 12.Mai 1931 in Böblingen, um Hanns Klemm persönlich seinen Dank abzustatten. Er hatte insgesamt 24 .000 Flugkilometer zurückgelegt.

 

Die Maschine nach der Ankunft in Berlin

Nach Deutschland zurückgekehrt, übernahm Hirth zum 1.April 1931 (?) die Leitung der Segelflugschule im niederschlesischen Grunau.

Eindrücke vom Flugbetrieb auf der Wasserkuppe

Noch im gleichen Jahr wurde ihm und Robert Kronfeld das neu geschaffene Internationale Silberne Segelflugabzeichen (Silber-C) Nr.1 und 1932 für seine wissenschaftlichen und sportlichen Leistungen im Segelflug (für seine Leistungen und Forschung im Thermikflug) der Hindenburg-Pokal verliehen. Damit ist Wolf Hirth der einzige Pilot, der diesen Pokal sowohl für den Motor- wie für den Segelflug erhielt.

Beim Deutschlandflug 1931 erreicht Wolf Hirth auf einer Klemm KL 25 mit einem Hirth-Motor HM60 den zweiten Platz nach 1.Sieger Oskar Dinort auf Klemm L26.

Deutschlandflug 1931 Wolf Hirth 2.Platz

Beim Europa-Rundflug 1932, einem Reiseflugzeugwettberwerb, erreichte Hirth den 5.Platz in der Gesamtwertung mit einer Klemm KL 32

In der Klemm-Zeugnismappe drückt Wolf Hirth seine Zufriedenheit mit den Klemm-maschinen aus:

Am 18.März 1933 sah Hirth von Grunau aus, wie Hans Deutschmann für längere Zeit über einem Nachbarort segelte und dabei eine erstaunlich große Höhe erreichte, owohl offen-sichtlich keine Thermik vorherrschte und es sich in der Ebene auch nicht um Hangauf- wind handeln konnte. Sofort ließ sich Hirth in einem Grunau Baby dorthin schleppen und begann das Aufwindfeld systematisch zu erkunden. Hirth interpretierte das Phänomen so- fort korrekt als Leewelle – sogenannte Moazagoti-Wolke -und publizierte diese Erkennt- nisse

aus Wetterzentrale-Form:
Moazagotl- Wolke, eine Lentis für Segelflieger
wurde von einem Schäfer des Hirschberger Tales bei Grunau im Riesengebirge so benannt. Höhenflüge bis in die Stratosphäre und Streckenflüge über Hunderte von Kilometern ermöglicht die Föhnwelle. In Grunau im Riesengebirge, wo sie manchmal von der lokalen Lenticularis, der berühmten „Moazagotl-Wolke“, begleitet wird, ist sie entdeckt und von Wolf Hirth „Lange Welle“ getauft worden. Erforscht hat sie bei uns die Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug (DFS) und, nach dem Krieg zunächst, die Akaflieg Stuttgart. In der ganzen Welt erkunden Flieger und Forscher diese Strömungen, deren Kenntnis weit über den Segelflug hinaus wichtig ist für Meteorologie und Luftfahrt.
Hier ein Bericht von Wolf Hirth (Handbuch des Segelfliegens)
Diese Aufwindart habe ich selbst im Jahre 1933 die „L a n g e W e l l e“ genannt. Da ich nach dem Entdeckungs- flug am 3. März 1933 (zusammen mit Hans Deutschmann) nicht mehr lange in Grunau, also am Riesenge- birgsrand, tätig war, setzte mein alter Kamerad Steinig, früher ebenfalls Fluglehrer in Grunau, die Beobach- tungen der Langen Welle und der dadurch erzeugten „Moazagotl-Wolke“ fort, die ihm damals zu seinem aufsehenerregenden Höhenrekord von 5760 m am 22. Mai 1937 verhalf und die heute in aller Welt gefunden und genutzt wird. Nach Steinig war es besonders Joachim Küttner, der das „Moazagotl“ im Hirschberger Tal erkundete, zu deuten versuchte und große Höhen erreichte.

Bisher hatte es darüber zwar Theorien gegeben, die aber alle ungesichert waren, da sie lediglich auf Vermessungen vom Boden und auf theoretischen Überlegungen beruhten. Damit können die Flüge von Deutschmann und Hirth als erste verbriefte Wellenflüge ange- sehen werden. Wenige Jahre später, als während eines Segelflugwettbewerbes in Grunau eine Wellenlage aufkam, neutralisierte Wolf Hirth den Wettbewerb für diesen Tag und beauftragte stattdessen die teilnehmenden Wettbewerbspiloten das Gebiet systematisch abzufliegen und die angetroffenen Aufwindwerte sorgfältig zu dokumentieren, wobei er jedem Piloten ein Teilgebiet zuwies. Mit dieser lange iund detailliert vorbereiteten Aktion gelang es, die Aufwindwerte von Primär- und Sekundärwelle sowie auch die dazwischen fliegenden Abwindzone genau zu kartieren, wodurch nicht nur die grundsätzliche Existenz eines Wellensytems endgültig bewiesen war, sondern auch seine Ausmaße sowie die Auf- windwerte quantitativ dokumentiert waren. Noch im gleichen Jahr beendet er seine Aus- bildungstätigkeit in Grunau und verlagerte seine fliegerische Arbeit auf den Hornberg. Unter seiner umsichtigen und fachkompeten Leitung gewann die neu errichtet Segelschule auf dem Hornberg rasch an Bedeutung. In den dreißiger Jahren gab er dem Hornberg ein eigenes Gepräge und trug den Namen durch seine Auslandsaufenthalte in alle Welt hinaus. Der von ihm gestaltete Ausbildungsbetrieb ließ trotz der vielen Schüler keine Anonymität aufkommen. Ein respektvoller und kameradschaftlicher Umgang untereinander kenn- zeichneten den Schulungsbetrieb auf dem Hornberg.

Dittmar, Erich Bachem, Wolf Hirth, Oskar Ursinus, Hasso Hemmer (Datum und Ort ?)

Hirth nannte sein 1933 gebautes Segelflugzeug „Moazagoti“ und erinnert damit nament- lich  an die kuz zuvor, unweit von Grunau, entdeckte Leewelle.

Moazagotl

Moazagotl_Plan

Mit diesem Gleiter nahm er 1934 an einer Südamerikaexpedition teil.

Südamerika Team

Bereits ein Jahr später reiste der Deutsche auf Einladung nach Japan, um für den Segelflug zu werben und agierte dort als Fluglehrer und „segelfliegerischer Entwicklungshelfer“. 1935 unterstützte Hirth seinen Freund Martin Schempp bei der Gründung der Firma „Sportflugzeugbau Göppingen Martin Schempp“.

Martin Schempp und Wolf Hirth

Die ersten von Schempp produzierte Segelflugzeuge waren der kunstflugtaugliche Übungseinsitzer Gö-1″Wolf“ und das Leistungssegelflugzeug Gö-3 „Mimimoa“, die beide von Wolf Hirth konstruiert wurden.

Minimoa-Prototyp, hinten Martin Schempp im Cockpit Wolf Hirth

Göppingen Gö 3 Minimoa

Göppingen Gö 3 Minimoa

Minimoa-Werbebild etwa 1937

Minamoa Wasserkuppe Wolf Hirth

100. Minimoa 30.06.1939, links Martin Schempp, rechts Wolf Hirth, im Hof in der Krebenstraße 25.

1938 trat Hirth, hauptsächlich verantwortlich für die Konstruktion, offiziell als Teilhaber in die Firma ein, die von nun an den neuen Namen „Flugzeugbau Schempp-Hirth“ annahm. Im selben Jahr zog die Firma nach Kirchheim unter Teck um. Da Hirth schon lange die Idee eines Volksflugzeuges verfolgt hatte, baute er 1935 den Motorsegler „Hi 20 MoSe“. Hierbei handelte es sich um einen der ersten Segelflugzeuge mit schwenkbarem Hilfstrieb- werk. Alle Entwicklungen wurden durch den Ausbruch des 2.Weltkriegs abrupt beendet. Nach Ende des Krieges überbrückte Hirth die Zeit bis die Nachfrage nach Segelflugzeugen wieder aufkam mit der Produktion von Kunststoffschüsseln, Kinderwa-gen, Sesseln, Kücheneinrichtungen und Wohnwagen.

Im Jahre 1950 wurde der Deutsche Aero Club (DAeC) gegründet, dessen erster Präsident Wolf Hirth wurde. Trotz dieser neuen Rolle als Verbandsfunktionär zog sich Hirth nie ganz aus dem Flugzeugbau zurück. Bereits 1951 nahm er die Produktion des von Wolfgang Hütter konstruierten Gö-4 wieder auf. Sein auch weiterhin großer Einsatz für die Belange des Flugsports gipfelte schließlich 1958 in der Verleihung der Lilienthalmedaille durch den Weltluftsportverband FAI. Noch 1957 erwarb Wolf Hirth eine Klemm KL35. Da er beinam- putiert war, wurde die Maschine danach umgebaut und ist heute im Besitz der Flugsportgruppe Klemm

Am 25. Juli 1959 erlitt Wolf Hirth während eines Segelflugs in einer Lo 150 einen Herzinfarkt und stürzte in dessen Folge tödlich ab. Er wurde auf dem Waldfriedhof in Stuttgart-Degerloch beigesetzt.

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